Risikoparcours für Straßenwärter: Routine ist nur die halbe Miete

Für die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer gehen die Straßenwärter der Autobahn Westfalen täglich Risiken ein. Diese sollten allerdings gut abgewogen werden. Durch welche Handlungen bringen sich Straßenwärter selbst in zu große Gefahr? Und wie kann man Gefahrensituationen frühzeitig erkennen und vermeiden? Diese und ähnliche Fragen standen im Mittelpunkt des Risikoparcours in der Autobahnmeisterei Recklinghausen.

Ein Straßenwärter klettert im Rahmen des Risikoparcours über eine Schutzplanke.
Ein Straßenwärter klettert im Rahmen des Risikoparcours über eine Schutzplanke.

Risikoparcours für Straßenwärter: Routine ist nur die halbe Miete

Recklinghausen. Für die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer gehen die Straßenwärter der Autobahn Westfalen täglich Risiken ein. Sei es bei der Reparatur einer Schutzplanke, dem Beschneiden von Sträuchern an Stand- oder Mittelstreifen oder beim Ausbessern akuter Fahrbahnschäden. All diese Aufgaben auf und an der Autobahn finden oft nur wenige Meter neben dem fließenden Verkehr statt. Dieser rauscht sogar in Baustellen mit 80 km/h und auf freier Strecke mit deutlich höheren Geschwindigkeiten an den Männern und Frauen in Orange vorbei. Normales Berufsrisiko? Ein klares „Jein“.

Natürlich sind die Straßenwärter bei ihrer Arbeit auf ein rücksichtsvolles und umsichtiges Verhalten der Verkehrsteilnehmer angewiesen. Doch wie viel eigene Risikobereitschaft ist in diesem Job eigentlich vertretbar? Durch welche Handlungen bringen sich die Straßenwärter selbst in zu große Gefahr? Und wie kann man Gefahrensituationen frühzeitig erkennen und vermeiden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Risikoparcours, den die Verkehrspsychologen Sebastian Rabe und sein Kollege Dr. Hartmut Kerwien in dieser Woche in der Autobahnmeisterei Recklinghausen angeboten haben.

Insgesamt nahmen in dieser Woche rund 75 Straßenwärter aus den Autobahnmeistereien Recklinghausen, Bad Wünnenberg und Lüdenscheid an drei aufeinanderfolgenden Tagen an dem Kurs teil. Sie lernten nicht nur, dass Risikobereitschaft sehr individuell ist, sondern auch, dass der Umgang mit Gefahrensituationen je nach Hintergrund und Erfahrungsschatz des Einzelnen unterschiedlich ist.

Um ein gemeinsames Gespür für Gefahrensituationen zu entwickeln, mussten die Straßenwärter in einem Simulator Entfernungen zu und Geschwindigkeiten von anderen Verkehrsteilnehmern richtig einschätzen, beschäftigten sich mit dem sicheren Überwinden von Schutzplanken und diskutierten über angemessenes Verhalten in konkret erlebten Risikosituationen. Ein Thema war das Aussteigen aus dem Fahrzeug auf dem Seitenstreifen. „Straßenwärter denken da oft in Sekunden und wollen nicht lange untätig rumsitzen. Sie stehen unter einem subjektiven Zeitdruck, der meist so nicht vorhanden ist. Eine realistische Gefahreneinschätzung wäre in diesem Moment viel wichtiger“, erklärte Rabe. Oft ergebe sich wenige Augenblicke später ein günstigerer Zeitpunkt, auf den aber kaum jemand warte. Es gehe nicht in dieser und ähnlichen Situationen nicht zwingend um richtig oder falsch, sondern um ein situatives Abwägen.

Eine Erfahrung mache er in diesen Seminaren immer wieder: Es sei typisch, dass besonders ältere Straßenwärter Gefahrensituationen aufgrund ihrer Erfahrung beurteilen und sie ihr Handeln dadurch nicht mehr ausreichend in dem Moment hinterfragen. „Routine ist gut, aber manchmal verleitet sie dazu, Risiken zu unterschätzen. Deshalb muss sie hin und wieder durchbrochen werden. Genau das machen wir hier“, sagte Rabe. Bei den Einschätzungen wie schnell diverse Fahrzeugtypen fahren und wie viel Zeit für simulierte Arbeitseinsätze benötigt wird, liegen die Straßenwärter mit ihren Einschätzungen im Simulator auch immer mal wieder daneben. „Es geht uns darum zu sensibilisieren“, verriet der Verkehrspsychologe.

Bei diversen Experimenten rief er den Straßenwärtern zudem in Erinnerung, dass die Fähigkeit zum Multitasking ein Mythos und die Absicherung eines Kollegen in bestimmten Momenten besonders wichtig ist. An einer anderen Station machte Rabe deutlich, dass die Belastung für Knie und Knöchel bei einem Sprung aus dem Unimog das achtfache des eigenen Körpergewichts betragen kann. „Mal hält der Körper das aus, aber auf Dauer führt das zu hohem Verschleiß der Gelenke.“ Auch die ergonomische Einstellung des Fahrersitzes, tote Winkel im Spiegel und sogenannte Unaufmerksamkeitsblindheit – die Nichtwahrnehmung von Fahrzeugen oder Verkehrsteilnehmern, bedingt durch eine eingeschränkte Verarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns – sprachen die Verkehrspsychologen an. Denn die Verschränkung der Themen Arbeits- und Verkehrssicherheit ist enger als es auf den ersten Blick erscheint.

Kontakt: Mirko Heuping, (02381) 277 7107, mirko.heuping@autobahn.de