Umzugshilfe für Haselmäuse

Haselmäuse haben große Knopfaugen, ein flauschiges Fell und stehen unter Schutz. In der Nähe der A6 sucht die Autobahn GmbH neuen Lebensraum für die kleinen Nager. Landschaftsplanerin Natalie Rahm erklärt, warum

NL_SW_AKT_Haselmaus__7_.JPG

Haselmäuse haben große Knopfaugen, ein flauschiges Fell und stehen unter Schutz. In der Nähe der A6 sucht die Autobahn GmbH neuen Lebensraum für die kleinen Nager. Landschaftsplanerin Natalie Rahm erklärt, warum

 

Warum kümmert sich die Autobahn GmbH überhaupt um Haselmäuse?

Rahm: Der Lebensraum von Haselmäusen sind verwachsene Gebüsche oder Brombeerhecken. Der durchgehende Grünstreifen neben der Autobahn bietet ihnen das, was sie auf freien Äckern und Wiesen nicht finden: Schutz und Nahrung. Deswegen sind die Tiere oft am Rande von Autobahnen zu Hause. Steht jetzt ein Bauprojekt wie die 6-streifige Erweiterung der A6 zwischen dem Autobahnkreuz Weinsberg und der Landesgrenze Bayern an, werden Landschaftsplanerinnen und -planer aktiv. Schon weit im Vorfeld prüfen wir die Auswirkungen der Baumaßnahmen auf Natur und Umwelt. Unser Ziel ist es, zum einen den Eingriff in die Natur so gering wie möglich zu halten und zum anderen den Schaden an anderer Stelle wieder auszugleichen und neue Lebensräume zu schaffen. Dazu gehört auch ein sehr sensibler Umzugsservice für Haselmäuse. Hier an der A6 rechnen wir mit ca. 1.500 Haselmäusen auf den betroffenen 64 Kilometern Autobahn.

Wie findet man den passenden neuen Lebensraum für die Haselmäuse vom Grünstreifen?

Rahm: Der beste Lebensraum ist der, in dem sich schon andere Haselmäuse wohlfühlen. Einen besseren Indikator gibt es nicht. Deswegen überprüfen wir mögliche Gebiete in der Umgebung auf Artgenossen. Dafür werden kleine nummerierte Nestboxen in die Büsche gehängt. Diese sind so gebaut, dass die Haselmäuse sie gerne als Wohnstätte annehmen. Wir kontrollieren dann regelmäßig, wer wo eingezogen ist. Mithilfe einer Software entsteht damit eine digitale Karte mit Einwohnerverzeichnis. Faunistische Kartierung nennen die Profis das. Hier an der A6 arbeiten wir dafür mit dem Haselmaus-Experten Patrick Jocher von ANUVA Stadt- und Umweltplanung zusammen und haben über 600 solcher Boxen verteilt. Werden diese regelmäßig bezogen, ist das ein sehr gutes Zeichen für uns.

Fühlen sich die Haselmäuse durch die Nestkontrolle gestört?

Rahm: Natürlich wäre es für die Haselmäuse besser, sie hätten komplett ihre Ruhe. Deswegen sind wir sehr vorsichtig. Die Boxen werden nur wenige Sekunden und ganz sanft geöffnet. Die Kontrollen werden im Zeitraum zwischen Frühling und Herbst durchgeführt. Ende des Sommers, wenn es draußen weniger Futter gibt, machen die Tiere eine Art Tagesschlaf, um Energie und Kräfte zu sparen. Einen sogenannten Torpor. Bei Kontrollen in dieser Zeit schlafen die Haselmäuse einfach weiter und merken kaum etwas davon. 

Wie geht es weiter, wenn ein passendes Gebiet gefunden wurde?

Rahm: Wenn wir ein passendes Gebiet gefunden haben, wird dieses Gebiet zunächst aufgewertet, indem wir es beispielsweise durch neue Bepflanzung vergrößern, zusätzliche Nester anbringen und für genügend Futterquellen für alte und neue Bewohner sorgen. Ist das Gebiet dann vorbereitet, kann der Umzug der Tiere beginnen.

Wie läuft so ein Haselmaus-Umzug ab?

Rahm: Für den tatsächlichen Umzug gibt es dann verschiedene Methoden. Die sanfteste und von uns bevorzugte Methode ist der selbstständige Umzug, der von den Fachleuten Vergrämung genannt wird. Dabei machen wir den alten Lebensraum unattraktiv, indem wir zum Beispiel die Hecken auf dem Grünstreifen Stück für Stück zurückschneiden. Die Haselmäuse wechseln dann meist freiwillig in das neue, bessere Gebiet. Das ist wie bei einem Mieter, dem die aktuelle Wohnung nicht gefällt. Bietet man ihm eine neue und schönere Wohnung an, würde er auch gerne umziehen. Im Nachgang überprüfen wir auch weiterhin, ob die Tiere sich in dem Gebiet eingelebt haben.

Zusammenfassend kann man sagen: Bei allem, was wir tun, steht das Wohl der Tiere im Vordergrund. Die Haselmaus ist schließlich nicht nur ziemlich süß, sondern steht auch völlig zurecht unter Schutz

Haselmaus (Muscardinus avellanarius)

  • Die Haselmaus stammt aus der Familie der Bilche. Sie ist nur etwa so groß wie der Daumen eines Erwachsenen und wiegt 15 bis 40 Gramm. Sie können bis zu 6 Jahre alt werden
  • Am liebsten halten sie sich in dichten Brombeergestrüpp und in Gehölzen auf den Straßennebenflächen auf. Haselmäuse sind nachtaktiv und bewegen sich meist weniger als 70 m um das Nest. Deswegen bekommt man sie nur selten zu Gesicht
  •  Im Sommer schlafen Haselmäuse in kleinen selbstgebauten Kugelnestern. Manchmal ziehen sie aber auch in Baumhöhlen oder Vogelnistkästen ein
  • Die Haselmaus ernährt sich nicht nur von Haselnüssen, sondern auch von Knospen, Früchten, Insekten oder sogar Vogeleiern.
  • Da sie im Winter nicht ausreichend Nahrung finden, halten Haselmäuse zwischen Oktober und April Winterschlaf. Dazu graben sie sich oft zu mehreren in der Laubstreu und lockerem Boden ein, manche nutzen aber auch frostsichere Baumhöhlen oder Nistkästen
Zurück an den Seitenanfang