Vom Truppenübungsplatz zur Naturidylle

Ein einzigartiges Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmenprojekt verwandelt ein Gelände bei Jena in einen lebendigen Ort für bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

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Mitten im idyllischen Jenaer Forst, einem Naturschutzgebiet westlich von Jena, erstreckt sich eine Fläche, die eine bemerkenswerte Verwandlung durchlebt hat – von einem ehemaligen Militärgelände zu einer grünen Oase für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten.

Ein historisches Gelände im Wandel der Zeit

Das Areal diente einst als Truppenübungsplatz, der bereits im Deutschen Kaiserreich, während des Nationalsozialismus und der sowjetischen Besatzungszeit als solcher genutzt wurde. Das insgesamt 6,5 Hektar große Gelände war früher durch einen Stacheldrahtzaun gesichert, da hier Atomraketen und biologische Waffen gelagert wurden. Nach der Wende wurde ein Großteil der Fläche entsiegelt und viele Kasernengebäude abgerissen. Einige blieben jedoch erhalten, insbesondere jene, in denen Fledermäuse nachgewiesen wurden. Viele Fledermausarten sind gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht, deshalb sind in Deutschland inzwischen alle Arten geschützt. Rund 180 Kleine Hufeisennasen haben beispielsweise in den verbliebenen Gebäuden ein wichtiges, ganzjährig nutzbares Quartier gefunden. Dirk Busch, Projektingenieur für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen in der Außenstelle Erfurt, erklärt: "Die Fledermäuse sind von selbst in die Gebäude eingezogen, die aufgrund der stabilen Luftfeuchte, der Ruhe und Dunkelheit optimal für sie geeignet sind."

Neben der Kleinen Hufeisennase finden auch Zwergfledermäuse, Vögel und Insekten in speziellen Kästen außerhalb der Gebäude ein Zuhause. In Deutschland stehen Fledermäuse laut Bundesnaturschutzgesetz unter besonderem und strengem Schutz. Ihr Lebensraum und ihre Quartiere dürfen nicht beschädigt oder zerstört werden. Die Kleine Hufeisennase ist in weiten Teilen Deutschlands bereits ausgestorben und kommt auch in Thüringen nur noch selten vor. Daher ist ihr Schutz besonders wichtig. 

Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme als Verpflichtung und Chance

Der ehemalige Truppenübungsplatz dient als Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme für den Um- und Ausbau der A4 bei Jena. Das Projekt begann 2003 mit der Planung zur Renaturierung des Geländes und wurde zwischen 2006 und 2007 abgeschlossen. Die durchgeführten Maßnahmen umfassten die Entsiegelung von Flächen, die Anlage von Kleingewässern für Libellen und Amphibien, Pflanzungen sowie den Erhalt von Fledermaus- und Eulenquartieren. „Die Fläche bildet ein Mosaik aus unterschiedlichen schützenswerten Lebensräumen und ist daher für viele Tier- und Pflanzenarten von großer Bedeutung“, freut sich Katharina Ortlepp, ebenfalls Projektingenieurin in der Außenstelle Erfurt. Das Gebiet wird seither in Zusammenarbeit mit der Universität Jena gepflegt. Dazu gehören die jährliche Mahd, die Pflege der Gewässer und die Beräumung der Fläche von Abfall. Katharina Ortlepp klärt auf: "Die Mäharbeiten dienen dem Erhalt der Wiese. Sonst würden sie irgendwann verbuschen und Wald entstehen. Ziel der Maßnahme ist es aber auch, offene Flächen zu bewahren".

Erfolge trotz Herausforderungen

Die Einzigartigkeit und Schönheit des Areals bleiben jedoch nicht unbemerkt. Insbesondere seit der Corona-Pandemie verzeichnet das Gelände einen Anstieg der Besucherzahlen. „Viele Besucherinnen und Besucher aus der Umgebung von Jena gehen hier gerne spazieren und führen ihre Hunde aus. Das birgt aber die Gefahr, dass die hier vorkommenden Tier- und Pflanzenarten verdrängt werden oder sogar ganz verschwinden. Zudem werden die eigens angelegten Gewässer an heißen Tagen oft zweckentfremdet und als Badestellen für Mensch und Hund genutzt. Um dem entgegenzuwirken, setzen wir auf Informationstafeln, die den Besucherstrom in die richtigen Bahnen lenken“, erläutert Dirk Busch. Trotz dieser unvorhergesehenen Herausforderungen hat das Projekt seine Ziele erreicht und sich als gelungenes Beispiel für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen in der Region etabliert.

Fledermausart Kleine Hufeisennase

Die Kleine Hufeisennase bevorzugt warme, dunkle Quartiere. In Wochenstuben (bis 100 Tiere) finden sie sich auf Dachböden und in Kellern ein. In der Nacht jagen sie in einem Umkreis von 4 Kilometern nach Insekten (Käfer, Fliegen und Schmetterlinge), orientiert an Sträuchern und Hecken mithilfe von Echoortung. Im Winter halten sie Winterschlaf in Stollen, Kellern und Höhlen.

Mit nur knapp vier Zentimetern Länge und acht Gramm Gewicht gehört die Kleine Hufeisennase mit einer Flügelspannweite von 19 bis 25 Zentimetern zu den kleinsten Fledermausarten Europas.

In den 1950er und 1960er Jahren nahm ihre Population stark ab, was vor allem mit der forstwirtschaftlichen Nutzung zusammenhängt. Die Fledermaus nutzt kleine Gebiete in Wäldern und an Waldrändern zur Jagd und orientiert sich dabei an Leitelementen wie Waldrändern, Säumen und Hecken. Die Verminderung dieser Elemente sowie die Trockenlegung von Gewässern und Feuchtgebieten führen zu einer Beeinträchtigung der Jagdgebiete. Die Kleine Hufeisennase ist außerdem durch den Verlust von Lebensraum und Nahrung, durch Vergiftung und durch die Zerstörung ihrer Quartiere stark gefährdet.

Ebenso wie ihre große Schwester hat die Kleine Hufeisennase ihren Namen wegen ihres hufeisenförmigen Hautlappens um die Nase bekommen. Sie bevorzugt warme, verwinkelte Quartiere und übertagt anders als die meisten europäischen Fledermausarten einzeln hängend und in ihre Flügel eingehüllt. Auch während des Winterschlafes hüllt sie sich zum Schutz in ihre Flughäute.

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